Ein milesischer Brunnen und seine Inschrift: Wasser für alle, oder doch ein elitäres Denkmal?
Christof Berns
Im Zentrum der antiken Metropole Milet stand ein spektakulärer Brunnenbau. Zu seinem reichen Schmuck gehörte auch eine lange Inschrift. Sie verrät nicht nur, dass das Bauwerk aus der römischen Kaiserzeit (1. Jh. v. Chr. bis 3. Jh. n. Chr.) stammt, sondern gibt auch einige der Umstände zu erkennen, unter denen es errichtet worden ist. Die mit Architektur und Inschriften vermittelten Botschaften sind freilich widersprüchlich und offenbar an unterschiedliche Gruppen von Adressaten gerichtet, wie im Folgenden gezeigt werden soll.
Das Gebäude wurde bereits im Jahr 1900 während der im Vorjahr begonnenen Ausgrabungen in Milet freigelegt. Die Stadt an der Ägäisküste der Türkei gehörte über viele Jahrhunderte hinweg zu den urbanen Zentren der antiken Welt. Mehrere Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern waren an ihrer Erforschung beteiligt. Seit 2018 arbeitet eine internationale Gruppe unter Führung der Universität Hamburg und mit Beteiligung des Exzellenzclusters Understanding Written Artefacts am Ort.
Als die ersten Ausgräber das urbane Zentrum Milets erkundeten, trafen sie nur noch den Gebäudekern des Brunnenbaus an (Abb. 1). In seiner Umgebung fanden sie jedoch zahlreiche, augenscheinlich zugehörige Statuen und Architekturelemente. Auf der Grundlage einer sehr genauen Dokumentation konnte der Archäologe Julius Hülsen dann eine zeichnerische Rekonstruktion des Bauwerks anfertigen, während der Epigraphiker Hermann Dessau die auf einigen Gebälkblöcken eingemeißelte Inschrift erschloss.

Das Hauptelement des Brunnens war ein voluminöser, durch einen Aquädukt gespeister Wasserbehälter. Eine etwa zwanzig Meter breite und knapp siebzehn Meter hohe Fassadenarchitektur verkleidete ihn. Sie fasste zudem ein Becken ein, das über mehrere Ausflüsse aus dem Behälter gespeist wurde (Abb. 2). Die Fassade war aufwendig gestaltet. Auf insgesamt drei Stockwerken wechselten sich Nischen mit sogenannten Aediculen ab, vorkragenden Elementen aus jeweils zwei Säulen, die von einem Giebeldach gedeckt waren. So entstand eine durch Vor- und Rücksprünge aufgelockerte Architektur, die mit zahlreichen ornamentalen Details bereichert war. Dazu gehörten auch die in der Fassade aufgestellten Statuen. Sie stellten verschiedene, vor allem mit dem Wasser verbundene Gottheiten und mythologische Figuren dar. Das prachtvolle Bauwerk erscheint daher wie ein Musterbeispiel für die Großzügigkeit der Ausgestaltung öffentlicher Räume, die für Städte der römischen Kaiserzeit typisch ist und die scheinbar allen ihren Bewohnern zu Gute kam. Diese konnten sich schließlich an der reichen Architektur erfreuen und sogar praktischen Nutzen aus ihr ziehen. Wie nämlich entsprechende Schleifspuren auf der Brüstung des erwähnten Beckens zeigen, pflegte man hier an Seilen Gefäße hinabzulassen, um Wasser zu schöpfen. Doch auch die durch das Wasser bewirkte Kühlung der Umgebung wird während der heißen Sommermonate sehr willkommen gewesen sein.

In einem gewissen Widerspruch zu diesem Eindruck einer selbstlosen Prachtentfaltung steht freilich die Inschrift des Bauwerks. Sie ist auf dem Gebälk der Aediculen des ersten Stockwerks eingemeißelt und nicht vollständig erhalten, konnte aber aufgrund der Formelhaftigkeit römischer Bauinschriften weitgehend problemlos ergänzt werden. Zuletzt hat sich der Althistoriker Geza Alföldy noch einmal ausführlich mit ihr befasst. Indem er einige bislang unbeachtete Fragmente berücksichtigte und zudem erstmals die einzelnen Textabschnitte konsequent mit dem architektonischen Befund in Übereinstimmung brachte, konnte er eine verbesserte Lesung des Textes vorlegen. Dabei entspricht jeder Abschnitt einer Aedicula (Abb. 3).

Überraschenderweise ist die Inschrift in lateinischer Sprache abgefasst, obwohl man im Ostteil des römischen Reiches, zu dem auch Milet gehörte, Griechisch sprach:
[I] [Aus]pic[iis Imp(eratoris) T(iti)] Caesa[ris D] ivi Vespa[sia]ni f(ilii) Vespa[siani]
[II] [Aug(usti) pont(ificis) max(imi) trib(unicia) pot(estate) IX imp(eratoris) XV co(n)s(ulis) VIII censoris p(atris) p(atriae)]
[IIIa] [per M(arcum) Ulp]ium Traianum, co(n)s(ulem), leg(atum) A[ug(usti) leg(ionis) X fretensis bello Iudaico]
[IV] et provinciae Syriae, proco(n)s(ulem) Asiae et Hispaniae Baeticae, XVvir(um)
[V] [s(acris) f(aciundis), sod]alem Flaviallem, triumphalibus orn[a]men[t]is ex s(enatus) c(onsulto)
[IIIb] [cu]m amplius in eo crevit [aqua, nymphaeum dedicatus est].
In der Übersetzung lautet der Text: (I) Unter den Auspizien des Imperators Titus Caesar Vespasianus, des Sohnes des Divus Vespasianus, (II) Augustus, Pontifex Maximus, Inhaber der Tribunizia Potestas zum neunten Mal, Imperator zum fünfzehnten Mal, Consul zum achten Mal, Censor, Vater des Vaterlandes, (IIIa) unter der Aufsicht von Marcus Ulpius Traianus, Consul, Legatus Augusti der Legio X Fretensis im Jüdischen Krieg (IV) und der Provinz Syria, Proconsul von Asia und der Hispania Baetica, Mitglied im Kollegium der fünfzehn Männer (V) zur Durchführung von Opfern, Mitglied der Priesterschaft der Flavier, geehrt mit den ornamenta triumphalia auf Beschluss des Senats (IIIb) ist, als es eine reichhaltigere Wasserzufuhr erhielt, das Nymphäum eingeweiht worden.
Die Inschrift ist so geschickt komponiert und auf den Abschnitten der Fassade verteilt worden, dass sie scheinbar zwanglos die Person des mit seiner Einweihung betrauten Amtsträgers in den Mittelpunkt rückte. Es handelt sich um M. Ulpius Traianus, einen römischen Karrierebeamten aus Italica in Spanien, den Vater des späteren Kaisers Traian. Traianus pater hatte bereits eine beeindruckende Laufbahn hinter sich, als er im Jahr 79/80 n. Chr. Statthalter der Provinz Asia wurde. Er war damit der höchste Amtsträger in einer der bedeutendsten Provinzen des römischen Reiches. Die Inschrift ist sicherlich auf seine unmittelbare Veranlassung hin formuliert und eingemeißelt worden.
Sie beginnt mit einem ungewöhnlichen Hinweis auf die Auspizien des regierenden Kaisers Titus (79–81 n. Chr.), unter denen das Bauwerk errichtet worden sei. Vermutlich sollte damit den Bemühungen des Imperators um die Infrastruktur des römischen Reiches Rechnung getragen werden. Dann erst erscheint der Name des Statthalters M. Ulpius Traianus, gefolgt von den wichtigsten Stationen seiner Karriere und dem Hinweis, dass die Einweihung zum Zeitpunkt einer verbesserten Wasserzufuhr erfolgt sei. In der Textfassung der Inschrift scheint der Name des Statthalters in der Fülle dieser Informationen beinahe zu verschwinden. Beachtet man hingegen den Zusammenhang von Inschrift und Architektur, dann zeigt sich, dass er genau in der Mitte der Fassade platziert worden ist und dadurch hervorgehoben wurde (Abb. 3: IIIa). Das war nur möglich, indem der letzte Teil als einziger des gesamten Textes in eine zweite Zeile (IIIb) gerückt worden ist. Auch sonst ist ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit auf die Position der Inschrift gerichtet worden. Anders als üblich ist sie in den Fries des Gebälkes eingemeißelt, also den Teil des Gebälks, der normalerweise dem ornamentalen Schmuck vorbehalten war (Abb. 4). Die Buchstaben konnten dadurch 8 cm hoch ausgeführt und auf eine einheitliche Fläche gesetzt werden, so dass sie aus der Entfernung gut lesbar waren. Zudem erschienen sie durch die architektonischen Profile darüber und darunter gleichsam gerahmt. Zur Betonung der Inschrift im Gesamtzusammenhang der Fassade trugen schließlich ihre enorme Länge von insgesamt 10,75 m wie auch die übliche Ausführung der Buchstaben als Kapitale bei.

Für das Verständnis der Inschrift ist aber auch wichtig, dass sie die Geldgeber des eindrucksvollen Monuments verschweigt. Wie bei solchen Maßnahmen der Infrastruktur zu erwarten, wird die Kommune der Milesier selbst den Bau finanziert haben. Ihr Beitrag trat jedoch ganz hinter der Person des aufsichtführenden römischen Beamten zurück. Auch die lateinische Abfassung spricht dafür, dass die Inschrift sich nicht in erster Linie an die lokale Bevölkerung richtete, denn ihre Sprache war das Griechische. Adressaten waren vielmehr die Angehörigen der politischen Elite, die wie M. Ulpius selbst reichsweit um die Übernahme öffentlicher Ämter konkurrierten. Indem die breite Schilderung von Ulpius‘ Karriere seinen Erfolg unter Beweis stellte, wirkte sie zugleich als Ansporn für seine Kollegen und trug damit letztlich zur Stabilisierung des kompetitiven politischen Systems bei. Insgesamt vermittelt das Monument also eine ambivalente Botschaft: Die mit der Wasserinstallation verbundene Wohltat gegenüber der lokalen Öffentlichkeit stand in einem Kontrast zu seiner eher an den politischen Binnenlogiken des Imperiums ausgerichteten Beschriftung.
Unter Gordian III. (Kaiser 238–244 n. Chr.) ist das knapp zweihundert Jahre zuvor errichtete Monument nochmals erneuert worden, wie eine weitere Inschrift bezeugt. Sie ist nachträglich in das Gebälk des dritten Geschosses eingemeißelt und bezeichnenderweise auf Griechisch abgefasst worden. Offenbar hatte man zuvor einige im Laufe eines Erdbebens herabgefallene Blöcke repariert oder ergänzt. Das Ergebnis dieser Restaurierungsmaßnahme war aber nicht von Dauer, denn nach einem weiteren Erdbeben stürzte das Monument zusammen und blieb schließlich in Trümmern liegen, auch weil Milet zu diesem Zeitpunkt seine Bedeutung als eine Großstadt schon verloren und die dort noch vorhandene kleine Siedlung keinen Bedarf an prachtvollen Brunnen hatte. Die Erinnerung an den Amtsträger überdauerte dennoch und wohl länger, als es M. Ulpius Traianus selbst erwartet hat, denn seine Inschrift bietet immer noch Anlass, sich mit seinen Taten zu beschäftigen.
Literatur
Alföldy, Geza (1998), „Traianus pater und die Bauinschrift des Nymphäums von Milet“, Revue des Études Anciennes, 100: 367–399.
Berns, Christof (2020), „Die Hafenstadt als Handlungsraum: Beobachtungen zur Präsenz verschiedener Akteure im städtischen Zentrum von Milet“, in Dirce Marzoli, Sabine Reinhold, Udo Schlotzhauer, Burkhard Vogt and Hannah Schnorbusch (Hgg.), Kontaktmodi (Menschen – Kulturen – Traditionen, 17), Wiesbaden: Harrassowitz, 97–106.
Hülsen, Julius (1919), Das Nymphäum: Milet I 5, Berlin: Reimer.
Niewöhner, Philipp (Hg.) (2016), Miletus/Balat: Urbanism and Monuments from the Archaic to Ottoman Periods, Istanbul: Ege Yayınları.
Wiegand, Theodor (1901), Zweiter vorläufiger Bericht über die von den Königlichen Museen begonnenen Ausgrabungen in Milet (Sitzungsberichte der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 28), Berlin: Reimer.
Beschreibung
Ort: Ausgrabungsstätte von Milet, Türkei
Datierung: zwischen 79 und 81 n. Chr.
Material: Marmor
Größe: Höhe 16,87 m, Breite 20,45 m, Tiefe 21,13 m (Brunnen/Monument); Höhe 0,08 m, Länge 10,75 m (Inschrift)
Urheberrechtshinweise
Abb. 1: Miletgrabung, Lauren Osthof
Abb. 2: Julius Hülsen (Hülsen 1919, Taf. 63)
Abb. 3: Miletgrabung, Silas Munnecke (unter Verwendung der Rekonstruktion in Hülsen 1919)
Abb. 4: Miletgrabung, Christof Berns
Zitierhinweis
Christof Berns (2026), Ein milesischer Brunnen und seine Inschrift: Wasser für alle, oder doch ein elitäres Denkmal? In Marina Sartori, Thies Staack (eds): Artefact of the Month No. 37, CSMC, Hamburg.